JAN KOETSIER STIFTUNG an der Hochschule für Musik und Theater München

 
   
Biographie Jan Koetsier  

Jan Koetsier, geboren am 14. August 1911 in Amsterdam, erhielt seine erste musikalische Förderung durch seine Mutter Jeanne Koetsier, einer Konzert- und Oratoriensängerin. Um sich insbesondere dem Repertoire des deutschen Lieds, etwa Werken von Franz Schubert, Johannes Brahms und Hugo Wolf widmen zu können, wählte sie, als sie ein Stipendium angeboten bekam, Berlin als Studienort. Die Familie Koetsier zog aus diesem Grund im Jahr 1913 von Amsterdam nach Berlin und blieb dort bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges.
Durch die Arbeit seiner Mutter gewann Jan Koetsier schon früh Einblicke in zahlreiche Kompositionen für Gesang, u. a. auch beim gemeinsamen Musizieren: Bereits mit zehn Jahren, so schilderte er einmal, waren seine Kenntnisse im Klavierspiel so weit fortgeschritten, dass er sie bei Liedern, wie etwa Schuberts »Gretchen am Spinnrade«, op. 2, begleiten konnte.

 


Jan Koetsier als Kind

Koetsiers Vater, Jan Koetsier-Muller, war Lehrer und in Berlin u. a. als Sprecherzieher für Schauspieler tätig, zunächst an der 1905 von Max Reinhardt gegründeten Schauspielschule des Deutschen Theaters, später an der Staatlichen Schauspielschule von Leopold Jessner. Daneben erteilte er privaten Sprechunterricht; Schauspieler wie Gustav Fröhlich, Sybille Schmitz, Fritz Kortner und Martin Held zählten dabei zu seinen Schülern.

Während des Ersten Weltkrieges – seine Mutter war mittlerweile an der Oper Leipzig engagiert worden – lebte Jan Koetsier aufgrund der beschwerlichen Versorgungslage in der Großstadt zeitweilig bei seinen Verwandten in einem kleinen Ort in Holland. Hier war es vermutlich, wo er erstmals in näheren Kontakt mit der für sein eigenes kompositorisches Schaffen später so bedeutsamen Musik für Blechbläser kam:

»Vielleicht begann dies alles in meiner Kindheit, ich liebte es, als Zehnjähriger der Dorfmusik bei ihrer Probe hinter der Tür ihres Lokals zuzuhören. Die gedämpften Klänge dieser Blechblasinstrumente riefen meine ersten musikalischen Gefühle für diese Instrumente hervor.« (1)

Seinen bald gefassten Entschluss, Musik zu studieren, verwirklichte Koetsier nach Abschluss seiner Schulzeit mit der Mittleren Reife. Dass er sich einmal hauptsächlich dem Dirigieren und Komponieren widmen würde, war damals allerdings noch nicht absehbar. Sein Lehrer Richard Rössler bereitete ihn zunächst im Fach Klavier auf die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik in Berlin vor. Mit 16 Jahren wurde er als zu dieser Zeit jüngster Student in die Klavierklasse von Waldemar Lütschg aufgenommen: Mit einem Vortrag von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier F-Dur, op. 10 Nr. 2, erregte er damals die Aufmerksamkeit des Pianisten Artur Schnabel, der zu dieser Zeit an der Spitze der Prüfungskommission stand. Schnabel war für Koetsier fortan eine Art Mentor, dessen Auffassungen über Musik den jungen Studenten insbesondere hinsichtlich des Beethovenschen Œuvres beeinflussten. Darüber hinaus verdankte er dem Pianisten die Gelegenheit, als Klavierbegleiter den Gesangsunterricht der Altistin Therese Behr-Schnabel, der Ehefrau Schnabels, unterstützen zu können. Vermittelt durch Schnabel schloss er außerdem Freundschaft mit einem von dessen Schülern, dem amerikanischen Pianisten Leonard Shure. Dieser hatte damals zur gleichen Zeit die Aufnahmeprüfung an der Berliner Hochschule für Musik bestanden und unterstützte ihn, so schilderte Koetsier später, in seiner bald hervortretenden Neigung zum Dirigierstudium. Shure brachte ihm u. a. auch Klavierwerke Robert Schumanns nahe – nicht zuletzt, da Schallplatten in dieser Zeit für Studenten kaum bezahlbar waren, bedeutete dieser Einfluss seines Mitstudenten für Koetsier eine wichtige Erweiterung seines Repertoires. Parallel dazu fing er an, erste größere Werke zu schreiben, beispielsweise seine »Variationen über ein Kinderlied«, op. 5, für ein Kammermusikensemble der Hochschule. Zuvor hatte er bereits einige Lieder komponiert, zunächst für einen befreundeten Bass-Bariton, die u. a. im Freundeskreis des Ehepaars Schnabel zur Aufführung kamen.



Neben Shure lernte Koetsier in Berlin Persönlichkeiten, wie u. a. den Pianisten Hans Priegnitz, die Komponisten Jan Meyerowitz und Siegfried Borris sowie den Musikwissenschaftler Walter Cohrssen kennen, zu denen er auch nach seiner Studienzeit eine Verbindung aufrecht erhielt. Unterstützend und prägend für seine weitere Laufbahn war für ihn insbesondere die Arbeit mit Walther Gmeindl, der ihn in Partiturspiel und Musiktheorie als Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung für die Dirigierklasse unterrichtete – eine Zeit, an die er sich später stets als sehr anregend für sein eigenes Schaffen erinnerte. Bereits nach einem Jahr verließ Koetsier die Klavierklasse und widmete sich ab April 1932 bei Julius Prüwer dem Dirigierstudium. Prüwer, so berichtete Koetsier später, habe ihn als Dirigent und Lehrer sehr gefördert, habe auch sein kompositorisches Talent bald erkannt und ihn einmal mit den Worten: »Koetsier, nehmen Sie jede freie Minute zum Komponieren!« (2) ermuntert.

 

Jan Koetsier in Berlin 1932

Neben Dirigieren, Klavier und Musiktheorie gehörte zu seinem Studium auch das Partiturspiel, wobei er von Alexander von Zemlinsky unterrichtet wurde; bei seinem damaligen Mitstudenten Harald Genzmer lernte er außerdem Klarinettespielen. Genzmer wiederum war zeitweilig ein Schüler Paul Hindemiths, der in dieser Zeit als einer der wichtigsten Kompositionslehrer an der Berliner Hochschule für Musik wirkte. Persönlich lernte Koetsier Hindemith erst nach seiner Studienzeit kennen, befasste sich jedoch damals intensiv mit dessen Œuvre. Zusammen mit Siegfried Borris, der ebenfalls zum Schülerkreis Hindemiths zählte, studierte er beispielsweise seine Kompositionen beim vierhändigen Klavierspiel.

In Koetsiers Studienzeit finden sich auch erste Anhaltspunkte für die in seinem kompositorischen Schaffen erkennbare Haltung, die aus der abendländischen Tradition erwachsene Tonalität als Prinzip stets zugrunde zu legen, diese als Basis und Bezugspunkt zu verwenden. Bereits damals bevorzugte er die Ästhetik der Neoklassizisten, etwa Kompositionen Igor Strawinskys oder Francis Poulencs, während er der Zwölftonmusik Schönbergs eher reserviert gegenüberstand – eine Haltung, an der er zeitlebens festhielt:

»Das erste große, moderne Erlebnis auf der Schallplatte, die ich wohl hundertmal gespielt habe, war der ›Feuervogel‹ von Strawinsky. Das war etwas, was mir einging. Aber atonale Musik, die ich konstruiert fand, sagte mir wenig.« (3)

Da sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten die politische Lage in Berlin immer mehr zuspitzte und zahlreiche Lehrer, vor allem diejenigen mit jüdischer Herkunft, die Hochschule für Musik verlassen mussten – darunter auch Julius Prüwer und Alexander von Zemlinsky –, nutzte Jan Koetsier ein Angebot aus Lübeck, am dortigen Stadttheater als Korrepetitor zu arbeiten, um sich Ende des Jahres 1933 von Berlin vorläufig zu verabschieden. Von der Hochschule wurde er beurlaubt und erhielt die Genehmigung, dort im Juli 1934 als Ersatz für seine Abschlussprüfung ein Konzert zu dirigieren.

In Lübeck war er als Holländer jedoch kein lange gern gesehener Gast; »sehr restriktiv« (4) sei man dort damals gegenüber Ausländern gewesen, begründete Koetsier seinen Entschluss, nach nur einer Konzertsaison wieder nach Berlin zurückzukehren. Dort lebte er nun zunächst (bis 1936/37) von Engagements bei verschiedenen Tournee-Theatern, so genannten »Wanderbühnen«, wie etwa die »Deutsche Musikbühne« und die »Deutsche Landesbühne«:

»Ich bin von Ort zu Ort gezogen mit dem ganzen Ensemble im Omnibus und habe u. a. 50 mal hintereinander die ›Entführung‹ dirigiert. Das war eine sehr gute Schule.« (5)

Während Koetsier bei dieser Arbeit sein Repertoire an Bühnenwerken erheblich vergrößerte, konnte er im Anschluss daran erste Erfahrungen mit dem Rundfunk sammeln: Beim Kurzwellensender Berlin erhielt er die Gelegenheit, ab 1936/37 als freiberuflicher Dirigent Übertragungen von eigens bearbeiteter Volksmusik, Volksliedern und Liedern anderer Nationen zu leiten.


Jan Koetsier am Stadttheater Lübeck 1933-34 während seines ersten Theaterjahres als Kapellmeister

Auf diese Weise war er hier nicht nur als Dirigent, sondern auch als Pianist und vor allem als Komponist beschäftigt: Für den von Rudolf Lamy geleiteten Kammerchor und das Orchester des Senders, dirigiert von Mathis Richter-Reichhelm, schrieb er zahlreiche Arrangements, z. B. von südamerikanischen, afrikanischen und nordamerikanischen Liedern. Nicht alle dieser Bearbeitungen für den Sender stammten allerdings von ihm selbst. Er habe zeitweilig, berichtete Koetsier, dem Komponisten Siegfried Borris einen Freundschaftsdienst erwiesen, da diesem von den Nationalsozialisten aufgrund seiner halb jüdischen Herkunft ein Arbeitsverbot erteilt worden war: »Wir teilten uns die Aufträge, er schrieb unter meinem Namen und konnte so etwas Geld verdienen.« (6) 1936 fand beim Berliner Kurzwellensender die Uraufführung des ersten von Koetsier komponierten Orchesterstücks, der »Barock-Suite«, op. 10, unter Leitung von Mathis Richter-Reichhelm statt – ein Werk, mit der der Komponist ein Jahr später beim »Concertgebouworkest« in Amsterdam debütieren und auf diese Weise sein Heimatland besuchen konnte.

Im Jahr 1940, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, gab Koetsier seine Tätigkeit am Rundfunk aufgrund der politischen Situation auf. Da die Nationalsozialisten jedoch mittlerweile in Holland einmarschiert waren, war es ihm nicht möglich, dorthin, wie mittlerweile geplant, zurückkehren. Einen Ausweg fand er schließlich in einer neuen Aufgabe: Die damals hoch angesehene Solotänzerin an der Berliner Staatsoper, Ilse Meudtner, benötigte zu dieser Zeit einen Pianisten für ihre Tournee. Jan Koetsier entschloss sich, mit der Tänzerin zusammenzuarbeiten und begleitete ihre Aufführungen über ein Jahr lang (1940/41) am Klavier, bereiste mit ihr per Eisenbahn Orte in ganz Deutschland sowie einigen Nachbarländern. Diese Tätigkeit eröffnete ihm nicht zuletzt deshalb neue Wege, weil er dadurch auch in sein noch von deutschen Truppen besetztes Heimatland zurückkehren konnte, und es ihm gelang, dort neue Kontakte zu knüpfen. Beim Radio Hilversum erhielt er daraufhin die Gelegenheit, sich neben seinem Auftritt mit der Tänzerin auch als Solist in einem Klavierkonzert von Mozart zu präsentieren, begleitet vom dortigen Rundfunk-Orchester. Außerdem dirigierte er an diesem Abend eines seiner eigenen Werke, die »Variationen über ein Kinderlied«, op. 5. Die überaus positive Resonanz, die dieses Konzert auslöste, hatte für Koetsier ein Stellenangebot bei dem Sender zur Folge. Dort wurde gerade ein großes Rundfunkorchester gegründet und Jan Koetsier hätte als dessen Chefdirigent anfangen können – ein Angebot, das er zunächst aufgrund seines Abkommens mit der Tänzerin nicht annehmen konnte. Nach Ende der vereinbarten zwei Monate, in denen er mit Ilse Meudtner in der Berliner Scala auftrat, durfte er nach Holland zurückkehren, lehnte aber ein Engagement bei dem im Hilversum neu gegründeten großen Rundfunkorchester dennoch ab: Um nicht allzu sehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu geraten, zog Koetsier zunächst eine Arbeit als Pianist vor.

Im Dezember 1941 dirigierte Koetsier anlässlich des 150. Todestages von Wolfgang Amadeus Mozart dessen Singspiel »Bastien und Bastienne« in Den Haag – eine Aufführung, die für ihn und die deutsch-niederländische Kulturgemeinde den Anstoß zur Gründung einer neuen Kammeroper bildete. Die Arbeit mit diesem Ensemble bedeutete für Koetsier erneute Reisetätigkeit: Ein halbes Jahr leitete er Konzerte in zahlreichen Orten Hollands und sammelte dabei weitere Erfahrungen mit bühnenmusikalischem Repertoire:

»Wir zogen dann kreuz und quer durch Holland – wie seinerzeit mit der Wanderbühne in Deutschland – und spielten ›Entführung‹, ›Doktor und Apotheker‹ und ›Abu Hassan‹.« (7)

Einen wichtigen Markstein in der Laufbahn Koetsiers stellte seine Tätigkeit als Zweiter Dirigent beim »Concertgebouworkest« in Amsterdam dar, die er von 1942 bis 1948 übernahm. Chef des Orchesters war zu dieser Zeit Willem Mengelberg, Erster Dirigent Eduard van Beinum. Wichtige künstlerische Anregungen erhielt er hier in den ersten Jahren vor allem durch die Zusammenarbeit mit Willem Mengelberg und durch dessen Art der Orchestererziehung. Seiner bereits damals nicht unumstrittenen Interpretation, Werke, wie etwa Johann Sebastian Bachs »Matthäuspassion«, in sehr großer Orchester- und Chorbesetzung aufzuführen, stand Koetsier positiv gegenüber – ein Beispiel dafür, dass für ihn stets die musikalische Wirkung Vorrang gegenüber allzu strikter Werktreue besaß.

Jan Koetsier mit Prof. Willem Mengelberg 1944

Willem Mengelberg ist jedoch nicht nur als Bach- und Beethoven-Interpret bekannt geworden, sondern vor allem durch die von ihm ins Leben gerufene Mahler-Tradition in Holland; dazu gehörte auch die Leitung eines Mahler-Festivals 1920. Da er aber auch nach der Machtergreifung Adolf Hitlers noch öfters Angebote aus Deutschland annahm, erhielt er nach 1945 in Holland ein sechsjähriges Auftrittsverbot. Infolge dieser Umstände wurden für die Leitung des »Concertgebouworkest« verstärkt Gastdirigenten engagiert, so etwa Otto Klemperer, Bruno Walter, Erich Kleiber, Pierre Monteux und Leopold Stokowski, was für Koetsier wertvolle Erfahrungen mit sich brachte. Auch mit Paul Hindemith arbeitete er auf diese Weise zusammen, studierte beispielsweise dessen Werke mit dem Orchester ein, so dass Hindemith selbst nur eine kurze Probe vor den jeweiligen Auftritten benötigte.

Nicht nur in Hinblick auf die Vervollkommnung seiner dirigentischen Fähigkeiten, auch für sein kompositorisches Schaffen erhielt er durch die Arbeit mit dem »Concertgebouworkest« wichtige Anregungen. Inspiriert durch dieses Orchester schrieb er z. B. seine »Musik für vierchöriges Orchester«, op. 28, einem Vorschlag Eduard van Beinums folgend. Die Anstellung bei dem renommierten Klangkörper war allerdings insbesondere in den ersten Nachkriegsjahren für Jan Koetsier nicht nur wegen des Berufsverbots Mengelbergs überschattet von den vorangegangenen politischen Ereignissen. Die Tatsache, dass Koetsier jahrelang in Deutschland gearbeitet hatte, brachte auch ihn bei seinen holländischen Landsleuten in Schwierigkeiten; als angeblicher Kollaborateur der Nationalsozialisten bekam er nach dem Krieg zeitweilig ebenfalls Berufsverbot auferlegt. Erst als er – gerichtlich verfügt – nach etwa einem Jahr wieder dirigieren durfte, konnte er seine Tätigkeit mit diesem Orchester fortsetzen.

Nach 1948 – eine Zeit, in der er die Trennung von seiner ersten Frau zu überwinden hatte – wechselte Koetsier nochmals innerhalb seines Heimatlandes die Stellung und ging als Dirigent des »Residentie Orkest« und als Dirigierlehrer am Königlichen Konservatorium nach Den Haag.


1950 schließlich holte ihn Eugen Jochum als Ersten Dirigenten des ein Jahr zuvor neu gegründeten Orchesters des Bayerischen Rundfunks nach München. Persönlich kennen gelernt hatte er Jochum jedoch schon einige Jahre zuvor. Damals wurde für das Amsterdamer »Concertgebouworkest« ein deutscher, nicht den Nationalsozialisten nahe stehender Gastdirigent gesucht und auf Koetsiers Empfehlung hin im Jahr 1941 Eugen Jochum engagiert.

Jan Koetsier mit I. Strawinsky, Einstudierung von "Oedipus Rex" am 12.08.1952 beim Bayerischen Rundfunk

Foto:© Hans Grimm


Dieser studierte, dem Rat des damaligen Direktors des Orchesters folgend, für sein dortiges Debüt u. a. Koetsiers »Symphonische Musik«, op. 19, ein und setzte dieses Werk deshalb kurz zuvor in Hamburg aufs Programm, brachte es dort im November 1941 mit dem »Philharmonischen Staatsorchester« zur Aufführung. Dadurch ergab sich ein engerer Kontakt zwischen beiden Dirigenten und Koetsier erklärte einmal: »Ich darf mich als seinen [Jochums] Schüler bezeichnen«. (8)

Die Notwendigkeit, beim Orchester des Bayerischen Rundfunks in München neben dem Chefdirigenten noch weitere Kapellmeister anzustellen, ergab sich aus der besonderen Situation in der Nachkriegszeit. Um das Archiv mit Tonträgern für den täglichen Sendebetrieb zu füllen, benötigte der Bayerische Rundfunk neben Mitschnitten von öffentlichen Konzerten vor allem Studioproduktionen der funkeigenen Klangkörper. Aus diesem Grund wurden bereits 1948 der in Frankfurt geborene Rudolf Alberth – er widmete sich beim Bayerischen Rundfunk insbesondere der zeitgenössischen Musik – und zwei Jahre später Jan Koetsier engagiert, so dass neben dem Chefdirigenten nun zwei weitere Kräfte für die verschiedenen Tätigkeitsbereiche des Orchesters zur Verfügung standen.

Die Aufgabe, für den Sendebetrieb des Bayerischen Rundfunks ein möglichst umfangreiches und breit gefächertes Spektrum an Aufnahmen herzustellen, bedeutete für Koetsier eine Gelegenheit, mit zahlreichen namhaften Solisten – darunter beispielsweise die Sopranistinnen Clara Ebers, Käthe Nentwig und Annelies Kupper sowie Lorenz Fehenberger und Fritz Wunderlich (Tenor), Ferdinand Frantz (Bariton), Benno Kusche (Bass-Bariton) und viele Instrumentalsolisten (etwa der Cellist Ludwig Hoelscher, der Bratschist Georg Schmid und der Pianist George Bolet) – zusammenzuarbeiten und neben dem »Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks« regelmäßig das »Münchner Rundfunkorchester« und den »Chor des Bayerischen Rundfunks« dirigieren zu können. Darüber hinaus leitete er Produktionen, die mit anderen Orchestern realisiert wurden, darunter vorrangig die »Münchner Philharmoniker« und die »Bamberger Symphoniker«. Das Ergebnis dieser 16 Jahre währenden Tätigkeit sind über 700 unter der Leitung Koetsiers entstandene Einspielungen, die heute im Schallarchiv des Bayerischen Rundfunks zur Verfügung stehen.

Neben seiner Tätigkeit im Aufnahmestudio dirigierte Koetsier immer wieder öffentliche Konzerte des »Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks«, etwa Abonnementkonzerte, die er teilweise stellvertretend für die jeweiligen Chefdirigenten Eugen Jochum bzw. ab 1961 Rafael Kubelik oder aushilfsweise anstelle erkrankter Gastdirigenten übernahm. Auch bei Aufführungen, die im Rahmen der »musica viva«-Reihe des Bayerischen Rundfunks veranstaltet wurden, stand Koetsier öfters am Pult des »Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks«.

Neben der Arbeit beim Bayerischen Rundfunk erhielt Koetsier, dessen zweite Frau im April 1963 gestorben war, ab Juli 1963 eine weitere Aufgabe: Gotthold Ephraim Lessing, der damals an der Münchner Hochschule für Musik Dirigieren unterrichtete, hatte die Möglichkeit, für ein Jahr nach Ankara zu gehen und bat Koetsier, ihn während dieser Zeit auf seiner Position in München zu vertreten.

 

Jan Koetsier, I. Strawinsky und Eugen Jochum beim BR 1957

Nicht zuletzt, da der damalige Präsident der Hochschule, Karl Höller, dieses Anliegen befürwortete und ihn für diese Stellung zu gewinnen versuchte, nahm Koetsier das Angebot an. Eine Absprache zwischen Karl Höller und dem zu dieser Zeit amtierenden Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter ermöglichte es dem Dirigenten, beide Tätigkeiten zeitweilig parallel auszuüben. Nachdem jedoch Gotthold Ephraim Lessing seine Arbeit in Ankara ein weiteres und schließlich noch ein drittes Jahr verlängerte, erhielt Koetsier eine Festanstellung an der Hochschule für Musik. Er entschied, sich nun vorrangig der Lehrtätigkeit zu widmen und verließ 1965 den Bayerischen Rundfunk. Ein Gastvertrag sicherte ihm dabei während der nächsten elf Jahre eine regelmäßige Tätigkeit am Rundfunk.

Als Professor für Dirigieren und Leiter des Hochschulorchesters blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1976 an der Münchner Hochschule für Musik. In dieser Position gelang es Koetsier, in den damals gültigen Lehrplan einige Neuerungen einzuführen, so etwa in der bis dahin üblichen Ausbildung für Dirigenten, die eine Arbeit mit Orchester in der Regel erst bei der Abschlussprüfung vorsah. In Abstimmung mit der Hochschule richtete er jeweils vier bis sechs Vortragsabende pro Jahr ein, bei denen seine Schüler das Hochschulorchester leiten durften. Auch an den großen Orchesterkonzerten, die dreimal jährlich stattfanden, waren von nun an Studenten der Dirigierklasse beteiligt.

Die Idee, an der Münchner Hochschule für Musik und Theater einen Blechbläser-Wettbewerb ins Leben zu rufen, entstand u. a. im Zusammenhang mit Koetsiers eigener kompositorischer Erfahrung. Die Arbeit mit Blechbläser-Ensembles, wie beispielsweise dem »Philip Jones Brass Ensemble« oder dem »Slokar Quartet«, hatte ihm gezeigt, dass die Blechbläser-Kammermusik insbesondere in Deutschland noch keinen angemessenen Platz im allgemeinen Konzertbetrieb einnahm. Ein Wettbewerb, so der Gedanke Koetsiers, sollte u. a. helfen, das